Über das Projekt

Stadt.Raum.Stadtraum – der Ort, an dem wir uns täglich bewegen. Parks, die wir jeden Morgen durchqueren. Gebäude, die wir nicht mehr wahrnehmen. Plätze, die wir meiden. Geschäfte, die wir wie selbstverständlich jeden Tag besuchen. Kneipen, Cafés, Restaurants, die wir mit Erinnerungen an geliebte Menschen verbinden. Ämter, Behörden, Verwaltungsgebäude, die wir lieber nicht von innen gesehen hätten. Sehnsuchtsziele, Ausflugsziele und Freizeitbeschäftigungen.

Stadt bedeutet Vielfalt. So vielfältig wie die Orte einer Stadt, sind auch ihre Bewohnerinnen und Bewohner. So unterschiedlich die Menschen, so verschieden sind ihre Perspektiven auf Orte innerhalb dieser Stadt.
Für manche ist Hannover altbekannt. Sie sind hier aufgewachsen, groß geworden, nie weggezogen. Für andere ist die Stadt neu, birgt Unbekanntes und will erkundet werden.
Für viele war die Stadt zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit einmal neu. Sie sind zugezogen, angekommen, heimisch geworden.
All diese Menschen verbindet, dass sie gerade in Hannover leben, doch ihre Geschichten und Anekdoten, die sie mit der Stadt verbinden, sind vielfältig, bunt und spannend.

Wir haben Hannoveranerinnen und Hannoveraner mit Migrationsgeschichte gefragt, welche Orte für sie persönlich im Prozess des Ankommens wichtig waren (oder sind). Welche Bedeutung haben diese Orte für sie, welche Erinnerungen sind damit verknüpft und was macht diesen Platz besonders?
Ihre Erzählungen ermöglichen es, Gewohntes mit anderen Augen zu betrachten. Ihre Perspektiven regen zum Nachdenken an. Ihre Anekdoten sind wertvoll und einzigartig.

Vielleicht entdeckst auch Du damit deine Stadt neu. Orte, denen Du schon lange keine Beachtung mehr schenkst, werden vielleicht wieder aufregend. Vielleicht findest Du Gemeinsamkeiten. Vielleicht stärkt es dich, zu sehen, dass es anderen ähnlich geht. Vielleicht helfen dir die Geschichten, die Situation von Menschen, die neu nach Hannover kommen, besser nachzuvollziehen.
Mit dieser Homepage wird die Vielfalt Hannovers Bewohner*innen wahr-nehm-bar, die Orte der Stadt quasi be-geh-bar. Digital – aber vielleicht hast Du auch Lust, die aufgeführten Orte zu besuchen und dich berühren zu lassen.

Wir danken allen Menschen, die ihre Geschichten mit uns geteilt haben, ganz herzlich, ebenso unseren Unterstützerinnen und Unterstützern und wünschen Euch, liebe Besucher*innen, viel Spaß beim Erkunden und (Neu-)Entdecken.

Was haben wir gemacht?

Welche Plätze, Gebäude, Straßen, Geschäfte oder Monumente in Hannover sind für Menschen mit Migrationsgeschichte besonders bedeutsam? Mit welchen Orten sind besondere Erinnerungen, positive wie negative, verknüpft? Um diesen Grundfragen nachzugehen, haben wir im Laufe des Projektes verschiedene methodische Zugänge gewählt.

Zum einen haben wir individuell Personen aus unserem weiteren Bekanntenkreis angesprochen, bei denen wir uns vorstellen konnten, dass sie Lust haben, beim Projekt mitzumachen. Daraus entstanden einzelne Treffen, Gespräche und Raumbegehungen. Zum anderen suchten wir den Kontakt zu bestehenden Gruppen, z.B. zu Sprach- und Integrationskursen oder haben Menschen in Unterkünften für Geflüchtete besucht. In diesen Fällen haben wir meist bei einem regulären Treffen einer Gruppe unsere Ideen vorgestellt und mit Interessierten Kontakte ausgetauscht. Diese Personen haben wir dann beispielsweise zu einem Workshop eingeladen oder zu Einzelgesprächen getroffen.

Zum Beispiel Workshops

Bei den Workshops ging es interaktiv und vielfältig her. Das Ziel war es, ein Kennenlernen untereinander zu ermöglichen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Dazu haben wir kleine Übungen angeleitet, Brainstorming gemacht, Bilder gemalt oder sind spazieren gegangen.

Die Knüllzwiebel: ein Spiel bei dem es um verschiedene Ebenen meiner Identität geht:

Brainstorming: wir haben alles aufgeschrieben, was uns an Hannover gefällt und was nicht:


Bilder malen: welche Orte sind besonders wichtig für uns und wie sieht es dort aus:

Statements: alle beenden einen Satz mit „Ankommen heißt für mich…“

Zum Beispiel Leitfadeninterviews

Mit Personen, die dazu bereit waren, haben wir uns zu intensiveren Gesprächen getroffen. Diese Gespräche führten wir in Form eines leitfadengestützten Interviews. Diese Methode aus der qualitativen empirischen Sozialforschung dient dazu, Auskunft über bestimmte subjektive Bedeutungszusammenhänge zu erhalten. Eine Sammlung von Fragen gibt dem Interview Struktur und ermöglicht eine gewisse Vergleichbarkeit der erhobenen Daten. Wir haben uns im Vorfeld einen Fragenkatalog überlegt, der Fragen beinhaltete, die wir auf jeden Fall stellen wollten und solche, die wir abhängig vom Gesprächsverlauf stellen konnten. Die interviewte Person hat bei einem solchen halbstrukturierten Interview viel Freiraum, Schwerpunkte zu setzen, den Gesprächsverlauf zu steuern und neue Aspekte einzubringen. Der Fragenkatalog andererseits beugt vor, dass die interviewende Person nicht den „Faden“ verliert oder wichtige Aspekte vergisst. Die Fragen werden zuvor in der Regel auswendig gelernt oder können als Stichpunkte mit in das Interview gebracht werden. Die Reihenfolge der Fragen ist dabei beliebig, meist wählt der Interviewer/die Interviewerin aber den gleichen Anfangsimpuls.

Folgende Fragen waren unsere Kernfragen für die geführten Interviews:

  1. Welcher Ort war wichtig für dich als du zum ersten Mal nach Hannover kamst? Warum?
  2. An welchen Orten in Hannover hältst du dich gerne auf? Warum?
  3. Gibt es Orte, die dich an deine Heimat erinnern? Warum?
  4. Gibt es Orte, die ganz anders sind, als du es von zu Hause kennst?
  5. Welche Orte in Hannover magst du nicht? Warum?
  6. Welche Orte würdest du einem Freund oder einer Freundin zeigen, der/die zum ersten Mal nach Hannover kommt?

Wenn es die interviewte Person erlaubte, haben wir die Gespräche mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet, um uns ganz auf das Gespräch konzentrieren zu können. Diese Aufnahmen haben wir dann im Nachhinein transkribiert und ausgewertet. Wenn es nicht möglich war, das Gespräch aufzuzeichnen, z.B. bei weil es den/die Gesprächspartner*in zu sehr verunsicherte, haben wir währenddessen Notizen gemacht und im direkten Anschluss ein Gedächtnisprotokoll angefertigt.

Diese Gespräche waren sehr aufschlussreich und ermöglichten es uns, den Prozess des Ankommens besser zu verstehen. Indem wir Ausschnitte aus den Interviews, direkte Zitate oder komprimierte Zusammenfassungen, auf dieser Homepage einer breiteren Leser*innenschaft zugänglich machen, hoffen wir auch Ihnen interessante Einblicke in die Geschichten Ihrer Mitbürger*innen zu geben. Und vielleicht inspiriert es sie ja auch, selbst solche Gespräche zu führen und einander zu begegnen.   Mitmachen

Zum Beispiel narrative Landkarten

Nicht für alle Zielgruppen sind Interviews geeignet. Nicht alle Menschen erzählen gerne, schon gar nicht, wenn ein Aufnahmegerät auf dem Tisch liegt. Manchmal ist die Sprache ein Hindernis. Für viele der Teilnehmenden ist Deutsch nicht die Muttersprache. Mit Übersetzungen geht viel verloren.

Eine kreative Methode aus der Kultur- und Sozialwissenschaft ist das Zeichnen von narrativen Landkarten. Wir haben darin einen spielerischen, nicht zu sehr auf Sprache fokussierten Weg gefunden, um mit kleineren Gruppen ins Gespräch zu kommen.

Spontane und aus dem Gedächtnis gezeichnete Raumkarten, z.B. von der Umgebung des eigenen Wohnortes oder des Weges zur Arbeit, geben Aufschluss darüber, wie ein Mensch seine räumliche Umgebung wahrnimmt. Die Auswahl und Art und Weise der Darstellung von Gebäuden, Straßen, Sehenswürdigkeiten und Orientierungspunkten zeigen subjektive Bedeutungszumessungen und machen deutlich, wie unterschiedlich Stadt von Individuen wahrgenommen wird. Eine Person malt beispielsweise alle Grünflächen ein, während eine andere v.a. Arztpraxen und Haltestellen markiert. Besondere Landzeichen ragen vielleicht übergroß heraus oder sind besonders detailliert dargestellt. Häufig sind diese subjektiven Bedeutungen den Zeichnenden selbst nicht bewusst und werden erst in darauffolgenden Gesprächen deutlich.

Wir haben in unseren Gruppen zu Beginn der Übung meist folgenden Impuls gegeben: Wenn hier das Haus ist, in dem du lebst, so zeichne doch bitte eine Karte deiner Umgebung. Welche Wege gehst du oft, welche Orte sind dir wichtig? Es kommt dabei nicht auf den Maßstab oder die Richtigkeit oder deine Zeichenkunst an.

Die Teilnehmenden haben daraufhin etwa fünfzehn Minuten Zeit gehabt, eine Karte zu zeichnen. Viele haben, so stellten wir fest, Gebäude und Orte zusätzlich benannt und die dazugehörigen Namen in die Karte miteingetragen. Im Anschluss an das Zeichnen haben wir offene Gruppengespräche geführt. Wir haben jede Person gebeten, ihr Bild vorzustellen. Durch gezielte Nachfragen konnten wir gemeinsam zu tiefergehenden Interpretationen der Zeichnungen kommen: Warum hast du diesen Ort eingezeichnet? Warum ist er besonders für dich? Welche Orte waren in der Zeit besonders wichtig für dich, als du neu in Hannover warst?

Durch die Kombination von Zeichnen und Reden war es uns möglich, eine Idee davon zu bekommen, welche Orte für Phasen des Ankommens besonders relevant sind und wie diese mit der Erfahrung von Migration verknüpft sind. Mit einigen Teilnehmenden haben wir, bei einem anschließenden Treffen, die gezeichneten Orte tatsächlich auch gemeinsam aufgesucht und vor Ort Gefühle und Empfindungen festgehalten. Damit gelang es uns zusätzlich, die Atmosphäre bestimmter Orte einzufangen. So führte uns beispielsweise eine Teilnehmerin an eine eher unscheinbare und vernachlässigte Grünfläche, die für sie aber eine Oase der Ruhe und Entspannung darstellte. Sie selbst war nur deshalb auf diesen Ort aufmerksam geworden, weil er in der Nähe ihrer Sprachschule lag, in der sie viel Zeit verbrachte. Andere Teilnehmende erzählten uns von Orten, die sie mögen, weil es ein wenig wie zu Hause ist oder weil sie dort bekannte Produkte kaufen können.

Für die Teilnehmenden untereinander, aber auch für uns, hat sich damit ein neuer Blick auf zum Teil gewohnte Umgebung ergeben. Wir betrachten Orte, die für uns zuvor keinerlei Bedeutung hatten, plötzlich mit anderen Augen und verknüpfen sie mit den Geschichten, die wir gehört haben.

Eindrücke aus einem Workshop:

Bei der gemeinsamen Erkundung von Orten:

Quellen- und Bildnachweise:

Die Bilder auf dieser Website stammen entweder von unseren Mitarbeiter*innen oder von Wikimedia Commons.